Mein „Outing“ als hochbegabte Person – wie kann es gelingen?

Hochbegabt Outing Hilfe

Ist endlich einigermassen Gewissheit über die eigene Besonderheit da, stellt sich oft die Frage, ob und wie man das neue Wissen in Beziehungen einbringen sollte. Oder macht man lieber weiter wie bisher … und alles wird sich schon fügen?

Dieses Thema wäre durchaus eine Abhandlung wert, da es so vieles spiegelt und verdeutlicht. Hier zunächst einige zentrale, praktische Punkte. ¹

Die wichtigste Frage aus meiner Sicht: Wenn ich jemandem von meiner Hochbagabung erzählen will, WOZU will ich das tun?

Diese Frage ist zentral, denn dabei geht es um meine Bedürfnisse hinter dem Outing! Das ist, worauf mein Gegenüber vermutlich stärker reagieren wird als auf die Information selbst. Es lohnt sich, diese Frage ganz offen und ohne Vorbehalte auf sich wirken zu lassen und ehrlich zu beantworten.

Ein paar Beispiele:
Wünsche ich mir Bestätigung, um meine Unsicherheit abzubauen? Will ich mehr von mir in der Beziehung zeigen, lebendiger mitmischen können? Will ich eine alte „Beziehungslüge“ korrigieren, die ich mit dem anderen gelebt habe („Ich bin schlecht und unfähig, aber DU bist toll.“ oder ähnliches)? Will ich jemandem evtl. genußvoll meine „Überlegenheit“ zeigen? Oder mich vielleicht auch rächen („Jetzt siehst Du, wer von uns beiden wirklich der Depp ist…!“) ? Will ich mit meinen Eltern darüber reden, was ich als Kind gebraucht hätte? Wenn ja, was möchte ich damit erreichen?

Im Job können ähnliche Fragen eine Rolle spielen, wenn auch (oft) nicht ganz so persönlich. Zusätzlich könnten hier wichtige Bedürfnisse sein, die Arbeitssituation zu verbessern, die eigene Auslastung den eigenen Möglichkeiten anzunähern, Erklärungen (und Lösungen) für bisherige Probleme zu liefern, die Karriere voranzubringen etc.

Die Frage WOZU ist also der Schlüssel. Hier wird dann ein Realitätsabgleich möglich: Ist mein Wunsch angemessen dieser Person gegenüber? Kann sie das erfüllen?
Oder sollte ich mir andere Personen suchen, die mir helfen, zunächst mehr innere Klarheit zu finden? Wäre statt eines Gesprächs zuerst eine Änderung der inneren Haltung sinn- und wirkungsvoll?

Als Faustregel kann gelten: Je unsicherer ich in meiner HB-Identität bin, je mehr Bestätigung ich aktuell noch suche und brauche, desto eher sollte ich mich an Gesprächspartner wenden, die mit dem Thema Hochbegabung bereits vertrauter, mir darin ein paar Schritte voraus sind. Diese können mir eher helfen, meine Selbsteinschätzung realistischer zu fassen, als Menschen, denen das Thema selbst noch fremd ist.

Nächste wichtige Frage ist: Meine ich wirklich diese Person? Oder brauche ich einfach mal generell jemanden, um mich auszusprechen?

Oft ist es gut und hilfreich, dies auf freundliche Art zu formulieren, damit der andere wählen kann, ob ihm diese Form der Auseinandersetzung auch behagt. Man fühlt vermutlich eine andere Wertschätzung vom Gegenüber, wenn man weiß, warum man hier als Gesprächspartner angefragt wird. Zum Beispiel: „Ich bin grade total unter Druck wegen einer Erkenntnis, die ich über mich hatte. Ich brauche dringend mal jemandem zu Reden. Hättest Du etwas Zeit für mich?“ vs. „Mich beschäftigt unsere Beziehung in der letzten Zeit sehr. Ich glaube, ich muss Dir etwas Wichtiges über mich sagen, das ich herausgefunden habe. Ich möchte, dass Du das weißt und ich würde total gern Deine Meinung dazu hören… und auch, was es evtl. für uns beide bedeutet. Magst Du?“

Dieser Fokus ist auch wichtig, um eine gute Atmosphäre, einen geeigneten Raum für ein Gespräch herzustellen. Machen Sie sich bewusst, dass Sie das tatsächlich gestalten können. Wie Ihr Gegenüber auf Ihre Mitteilung reagiert, hängt viel von den Umständen ab, die Sie wählen oder  zumindest teilweise mitbestimmen können.

Nichts spricht natürlich auch gegen ein spontanes Outing aus der Situation heraus. Wenn es sich ergibt und einfach fließt, ist das natürlich wunderbar. Dann passen die Umstände und die Türen öffenen sich von selbst.

Hochbegabt Outing HilfeUm andere zu erreichen, spielen generell viele Faktoren eine Rolle, doch etwas wird immer zentral sein und bleiben: Dass man als Persönlichkeit, mehr noch: als Mensch spürbar wird. Gerade für ein Gespräch über Hochbegabung, die thematisch in den Köpfen der meisten noch immer in teils krause Vorurteile und Mythen eingebettet existiert, ist wichtig zu spüren, was der Sender denn da selbst ausstrahlt, warum und wie er spricht, was IHN persönlich bewegt und was ihm das Thema bedeutet. Dann ensteht Verbindung, auch wenn Hochbegabung dem Gegenüber als Thema eher fremd sein mag.

Mir persönlich ist vollkommen klar, dass andere mit mehr oder weniger Begabung menschlich weder besser noch schlechter sind als ich. Als Menschen sind wir gleich viel wert und auch gleich wichtig. Ich kann von jedem etwas lernen. Und jedes Feedback enthält auch zumindest eine kleine Perle oder Chance für mich. Genau aus diesem Grund steht uns beiden auch das Recht zu, auf Augenhöhe und mit Wertschätzung miteinander umzugehen.

Auch wenn dies einfache Worte sind, die Umsetzung ist oft schwierig: Ich schätze Dich, liebes Gegenüber, genau so sehr, wie mich selbst. Trotz, mit oder wegen unserer Unterschiede.

Wenn Sie das konsequent weiterdenken und danach handeln, wird vieles leichter:

  • Sie brechen die unbewusste Identifizierung und Fehlanapssung an das Verhalten und intellektuelle Niveau anderer auf, die Ihnen vielleicht bisher ganz normal vorkamen: Die Anpassung nach unten, die Ihnen selbst überhaupt nicht gerecht wurde!
  • Sie erhalten auf kurze und lange Sicht größtmögliche Freiheit! Wenn Sie sich selbst und den anderen schätzen – ohne Wertung, dann heißt das, BEIDE dürfen so sein, wie sie sind. (Nichts wäre fataler, als die empfundene Entwertung durch andere einfach umzukehren. Nach einem gewissen „Freikämpfen“ und „Freischimpfen“, das eventuell nötig ist, sollte der Schritt in den Selbst- und Fremdrespekt auf dem Fuße folgen, damit sich die Lebensqualität wirklich auf ein neues Niveau heben kann.)
  • Falls der andere Sie entwertet oder Ihre Einsichten in Frage stellt, können Sie auch klar für sich eintreten und Respekt einfordern. Ganz ruhig und aus einer Position der Stärke heraus. Sollte sich jemand nachhaltig für destrukitves Verhalten entscheiden: Kein Problem, dann entfernen Sie sich aus der Situation und schützen sich ganz klar! (Wer seinen freien Willen gegen andere wendet, sollte darin nicht unterstützt werden.)
  • Mit Respekt für Ihre eigene Besonderheit und für die des anderen können Sie Ihre Fähigkeiten im Gespräch, besonders im Outing-Gespräch besser nutzen. Nutzen Sie Ihre Kreativität und Ihre Empathie, um dem Gegenüber entgegen zu kommen und das Verstehen leicht zu machen. Damit er Sie gut verstehen kann, können Sie ja Ihr Wissen und Ihre innere Differenziertheit supergut nutzen.

Last but not least:
Das, was Sie in sich selbst gut verstanden und integriert haben, lässt sich anderen viel leichter und klarer vermitteln. Das, wozu Sie selbst voll stehen, kommuniziert sich überzeugend.

Sagen Sie offen, warum es Ihnen wichtig ist, dass z.B. der Chef um Ihre Hochbegabung weiß. Sagen Sie auch, was das nicht bedeutet (z.B. dass Sie niemals Fehler machen und alles sofort wissen ohne jegliche Info oder Weiterbildung 😉 ). Sagen Sie, was Sie geben und einbringen möchten und was Sie sich wünschen, um die Situation aller Beteiligten zu bereichern. Sprechen Sie über Ihre Ziele und Ihre Ideen, Ihre Einsichten, was alles möglich werden kann. Und seien Sie offen für Kooperation.

Ein hochbegabtenfreundliches Umfeld sollte Sie wirklich schätzen und Ihnen Ausdrucksmöglichkeiten bieten. Es darf und soll Ihnen auch aktuelle Grenzen und Bedenken zurückmelden, die wichtige Infos für die nächsten Schritte liefern. So entsteht gute Kooperation, die die Unterschiedlichkeit der Menschen nutzt, statt sie klein zu machen oder zu bekämpfen.

Kluge Führer wissen das: Hohe Ziele können nur gemeinsam erreicht werden.

Viele positive Erlebnisse mit anderen wünscht Ihnen herzlich
Mantradevi Kircher

 

  1. (Fußnote) Übrigens: In gewisser Weise gilt das Gesagte auch für das Offenmachen der Hochsensibilität, doch die Hochbegabung ist der oft prekärere und schwierigere Teil, daher fokussiere ich mich zunächst auf diesen.